Dass im Grunde jede Arbeit einer Künstlerin oder eines Künstlers ein Selbstportrait darstellt, solange nur ein Hauch von Ehrlichkeit im Spiel ist, scheint eine allgemeine Tatsache zu sein. Was auch immer an Konzepten, Ideen, Ansätzen, Vorbildern usw. verarbeitet wird, im Grunde führt es zum Denken , Fühlen, zur Eigenart und den Prägungen der Autoren zurück, sagt in letzter Konsequenz mehr auf umfassende Weise aus als es eine blosse Selbstbeschreibung könnte und ist somit Abbild im Wollen und Müssen. Weil aber nichts Lebendes ausserhalb des Gesetzes des Wandels existiert, ist es mit einem Blick, einem Gedanken, einer Konzeption oder Befindlichkeit nicht getan, sondern baut jedes Bild auf einem vorherigen auf und führt zu einem weiteren hin.

Das Arbeiten in Gruppen und Serien gibt dem dynamischen Charakter künstlerischen Wollens erst Formen und Körper, an denen und durch die das kaleidoskopische Gesamtbild erahnbar wird. Im Portraithaften kommt nicht Narzissmus zum Ausdruck, sondern ein dialogisches Vermessen des Raumes zwischen Subjekt und Objekt, Ich und Welt, Fragen stellen und Antworten erhalten. Die Befindlichkeit und das Denken der Akteure gerinnt in der Eigenart des jeweils gewählten Materials, seinen spezifischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, der spezifischen Präsenz und Schwingung zu Notationen, die auf Fragen aufbauend Behauptungen in den Raum stellen, welche erneut Fragen aufwerfen: Was ist das, wer ist das , wer bin ich?Elisabeth Payers Arbeiten sind ungemein präsent. Sie tragen das Fragen mit grösster Deutlichkeit vor, setzen Zeichen und formen es zu klaren Signalen, vor allem wenn sie im archaischen Schwarzweiss bleibt. Gleichzeitig liegt in ihren Werken ein fragender und zurückgenommener Ton. Eine sicher vorgetragene Unsicherheit, eine deutliche Undeutlichkeit, ein genaues Offenlassen macht den Reiz ihrer Arbeiten und letztlich ihrer Person aus. Wie merkwürdig es ist, dass bei aller Präsenz und Intensität ihrer Zeichensetzung die Formen und Kürzel gleichsam scheu dastehen, irgendwie unsicher  und vorläufig, wie Gesten, die sich im Moment ihres Werdens ihres Vergehens bewusst werden. Es ist kein jugendliches Pathos, das ihre Arbeit trägt und auch kein modisches Zitieren angesagter Trends, sondern ein ruhiger Gang durch die Zeichen und ein stiller Tanz des gefühlten Denkens. Naturnah könnte so eine Sprache genannt werden, weil – der inneren und äusseren Natur der Dinge und des Selbst nachempfunden – eine Spur zum Begreifen gezogen wird. Verweise auf biologische Strukturen und organische Formenentwicklung werden sichtbar und an ihnen die Gemachtheit jedes Bildes. Methode und Materialeigenart tragen einfach und klar die eingeschriebene Formen. Je einfacher die Kompositionen, desto stärker erscheint das Schwingen und Pulsieren des Dargestellten in seinem Schweigen. Die Arbeiten sind nie geschwätzig, eher karg, selbst in der Bewegtheit, und sie wollen sichtbar machen, ohne vorschnell falsche Versprechen abzugeben. In einer Welt voller Täuschungen und billiger Angebote stehen Elisabeth Payers Arbeiten in einer Ruhe vor Augen, die sonderbar tief fühlen lässt und dem Einfachen und Nahe liegenden eine kammermusikalische Grösse gibt. Der Klang und die Stimmung dieser Bilder öffnet die Sinne und das Denken und lädt uns ein, in ihnen zu uns weiterzugehen.

 – Gunter Damisch